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Abrahams Erprobung

Als im Februar die „Öffis“ streikten und man nur zu Fuß oder mit unend­licher Geduld durch den Autostau die Gundorfer Kirche erreichen konnte, versammelte sich ein hoch­motiviertes Publikum in Erwartung des Theaterstücks "Abrahams Er­probung ".

Zur Einstimmung auf das Thema erklang vor Beginn in Dau­erschleife der Bibeltext mit der Ge­schichte, die beschreibt, wie Abraham nach dem Gottesbefehl mit seinen Sohn Isaak auf den Berg von Morija geht um ihn zu op­fern. Währenddessen sitzt der uralte Abraham zusammengesunken in einem Rollstuhl auf der Bühne, dar­geboten von Jürg Wisbach (Autor des Stückes).

Dann erwacht er und freut sich auf den Besuch seines sehr lange nicht gesehenen Sohnes Isaak (Guido Droth). Er reflektiert das Geschehen auf dem Berg und hadert mit seinen früheren Entschei­dungen. Als Isaak endlich kommt, überrascht er mit einer sehr distan­zierten Beziehung gegenüber seinem Vater. Sie können sich in einer tief­sinnigen und emotionalen Diskussi­on nicht einigen, ob es richtig war, Gottes Befehl in dieser Sache zu be­folgen. 

Auch die Vertreibung der Sklavin Hagar mit Ismael, dem ers­ten Sohn Abrahams, sowie der Tod von Sara, Isaaks Mutter, werden verhandelt. Allein diese großartige Darbietung der beiden Schauspieler war es wert, gekommen zu sein.

Tief bewegt nahmen alle Gäste an der anschlie­ßenden philosophischen Betrach­tung dieses alttestamentarischen Bibeltextes teil.

Natürlich hatte Wis­bachs Interpretation von Abrahams und Isaaks Gefühlswelten eine neue gedankliche Dimension eröffnet. Der Leipziger Philosoph und Lehr­beauftragte der Universität Leipzig Dr. Peter Heuer ordnete den Stellen­wert der Geschichte in der Entwick­lung der Bibel und der Gottes­wahrnehmung zwischen strafendem und liebendem Gott unter Berufung auf F. W. J. Schellings Werk „Philo­sophie der Offenbarung“ ein.

In der anschließenden lebhaften Publi­kumsdiskussion wurden die Themen der Gehorsamkeit, Gottesfurcht, Zu­versicht und Gottvertrauen bis zur Frage nach der absoluten Wahrheit besprochen. Dr. Heuer beeindruckte mit seinen klaren Positionen zu je­der Fragestellung.

An diesem Abend gingen alle Betei­ligten reich beschenkt nach Hause. Herrn Wisbach sagte die Gundorfer Atmosphäre so zu, dass er anbot, im kommenden Jahr das Stück „Judas“ aufzuführen. Dr. Heuer schloss sich sofort an.

Mögen dann auch die „Öffis“ mitspielen! 

Bettina Relke