Liebe Leserin, lieber Leser unseres Gemeindebriefes,
das Bild auf der Titelseite zeigt eine Hausfassade in Jena gegenüber der Wohnung unserer Tochter Sophie und ihrer Familie. Immer wenn ich dort bin, schaue ich von der Wohn stube auf dieses Haus und diesen Spruch zwischen den Etagen
"… und dazwischen liegt immer die Wahrheit!"
Und immer wieder denke ich dar über nach, über die Wahrheit und das "dazwischen". Erinnert werde ich dabei auch an meinen Konfirma tionsspruch: Wenn ihr bleiben wer det an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen (Joh 8, 31).
Ja, das glaube ich. Es gibt diese eine Wahrheit, die von der Liebe Gottes zeugt wie nichts und niemand ande res auf dieser Welt: Jesus Christus. Aber wir haben diese Wahrheit nicht wie einen verfügbaren Besitz in un seren Händen. Unser Erkennen bleibt immer bruchstückhaft und immer von Fehlern und Irrtümern behaftet. Die Wahrheit ereignet sich im Diskurs. Das glaube ich. Darum brauchen wir das Gespräch, das meine Sicht ergänzt, mich korrigiert und die Grenzen meiner Erkenntnis erweitert. Dietrich Bonhoeffer hat es so formuliert: "Der Christus in Dir ist schwächer als der Christus im Wort deines Bruders!" (und deiner
Schwester!). Jede und jeder braucht den Glauben und die Sicht des ande ren. Die Wahrheit, die dazwischen liegt, trennt uns Menschen nicht, sie verbindet uns in der Sehnsucht, ihr näherzukommen. Auf Christus hin zu wachsen. Nur wenn ein Mensch meint, im Besitz der Wahrheit zu sein, fängt sie an, Menschen zu tren nen. Die Wahrheit "dazwischen" aber ist eine Brücke, die verbindet. Der Geist von Pfingsten möge uns dazu helfen, in der nötigen Vielfalt der Ansichten und Meinungen beieinan der zu bleiben und in der Liebe eins zu werden mit Blick auf Christus, der von sich sagt: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. (Joh 14, 6).
Pfarrer Michael Bornschein